„Ich glaube, dass Tourismus überhaupt nicht weltoffen ist!“
Der renommierte Historiker und Autor Valentin Groebner war als Professor bereits an der amerikanischen Elite-Universität Harvard, in Paris oder auch in Basel tätig. Am Donnerstag kam er für einen Vortrag an das Johannes-Heidenhain-Gymnasium in Traunreut. Die federführende Organisation sowie die Finanzierung der Veranstaltung wurden von der Stadt Traunreut übernommen.
Wer Valentin Groebner trifft, merkt sofort: Er brennt für Geschichte und für seine Geschichten, die er an Studierende, Leserinnen und Leser oder eben auch das Publikum bei seinen Vorträgen weitergibt. Seit 2004 ist er Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Im Rahmen seiner Lehrveranstaltungen entwickelt er Ideen für neue Bücher. Zuletzt erschien im vergangenen Jahr „Abgefahren. Reisen zum Vergnügen“. Passend dazu ging er in seinem Vortrag auf „Die Freiheit des Touristen“ ein. Den Titel habe er ganz bewusst nur in der männlichen Form gewählt, so Groebner, denn das Reisen sei historisch gesehen wohlhabenden Männern vorbehalten gewesen, später Familien, aber ein Mann hätte immer dabei sein müssen. Laut Groebner ist das in der werbenden Tourismusbranche bis heute ein Thema.
Der Besuch des Historikers in Traunreut war generell ein Abend der steilen Thesen, eine blieb dabei besonders im Gedächtnis: „Tourismus beruht darauf, Leuten mit viel Geld und Zeit Dienstleistungen zu verkaufen von Leuten, die Geld brauchen und willig sind, für viel Zeit zu arbeiten“. So habe sich der Tourismus vor über 500 Jahren, Ende des 15. Jahrhunderts entwickelt – und bis heute sei erstaunlich viel gleichgeblieben, referierte Groebner. Bis heute werde Reisenden die Illusion vermittelt, dass massenhaft standardisierte Produkte und Dienstleistungen exklusiv nur für sie da sind. „Wenn ich zum Vergnügen hinfahre, bin ich etwas Besonderes“, erklärte Valentin Groebner das Reisen als Statussymbol. Es sei außerdem eine Utopie, zu denken: „Nur im Urlaub werde ich mich positiv verwandeln“. „Die Freiheit des Touristen ist die Freiheit zum Konsum“, betonte Groebner. Menschen sehen Urlaub als Erlösung aus den sich selbst auferlegten Zwängen. Kurioserweise wurden Orte, die heute für klassische Erholung und unberührte Natur stehen – wie die Berge und das Meer – erst durch die Industrialisierung attraktiv und zu Sonderräumen. Vorher galten beide als Arbeitsorte, weit weg von Erholung.
Der Professor für Geschichte berichtete auch von den Anfängen des Reisepasses und von den ersten Bildern in Pässen – die nicht etwa den reichen Reisenden vorbehalten waren, sondern in der Schweiz 1852 von sogenannten „Heimatlosen“ erstellt wurden, um sie dann als Stahldruck an die Polizeidienststellen weiterzugeben – da Fotos noch nicht reproduzierbar waren. Im 19. Jahrhundert seien Millionen Menschen kreuz und quer gereist, so Groebner, gerne mit gefälschten Ausweisen. Eine Ausweispflicht wurde ab den 1860er Jahren sogar schrittweise wieder abgeschafft, vor allem für die wohlhabende Schicht. Erst 1914 führten alle europäischen Länder wieder eine Ausweispflicht ein. Mit dem Ersten Weltkrieg folgte natürlich ein großer Bruch in der Tourismusbranche.
Groebner übte auch scharfe Kritik am öffentlichen Umgang mit dem Tourismus der 1930er und 1940er Jahre: „Der Tourismus redet von sich selber lieber ab den 50er Jahren oder über die Belle Époque (etwa 1870 bis 1914).“ Fakt sei aber, dass der Tourismus teils sehr selektiv war und gerade in den Zeiten der Weltkriege „falsche Herkunft oder falsche Religion“ eine Rolle gespielt habe. Groebner ging besonders auf die Ausgrenzung jüdischer Gäste ein, mit der damals sogar geworben wurde. Bis heute sei der Tourismus für den Historiker keinesfalls weltoffen. „Im 19. Jahrhundert wurde schon über Touristen aus anderen Ländern geschimpft – und bis heute kennen wir die Klischees vom typisch deutschen oder britischen Touristen“. Als Tourist bewege man sich – auch unbewusst – gerne in einer ansprechenden Welt, die nur einer gewissen Schicht zugänglich sei, der man gerne angehört, erklärte Groebner. „Tourismus ist Konsum des Alltags und des Lebens anderer Leute in Reinform“, so der Professor. Das wirklich authentische seien daher nicht Reiseziel und Essen, sondern die anderen Touristen.

Valentin Groebner warf auch einen Blick in die Gegenwart und auf den Einfluss, den die Corona-Pandemie auf unser Reiseverhalten hatte – die Zeit, in der Reisen plötzlich zum unerwünschten Risikoverhalten wurde und Gesundheitsnachweise zurückbrachte, die es schon früher gegeben hatte. „Heute fahren in Europa eine halbe Million mehr Camper als 2019 herum. Wenn also etwas Unvorhergesehenes passiert, wie in dem Fall die Pandemie, ist unsere Reaktion darauf im Grunde dieselbe wie in den 60er Jahren nach den Kriegszeiten“. Die Tourismusindustrie sei also geprägt von unendlichen Wiederholungsschleifen. Eine steile These gab es zum Abschluss noch für die Besuchenden der Veranstaltung „Die Freiheit des Touristen“: „Wer dauernd von der eigenen Freiheit redet, der kann sie nicht realisieren“. Ein Satz und ein Abend, die zum Nachdenken über das eigene Reiseverhalten anregten. Auf die Frage, ob und wie er selbst denn privat reise, antwortete Groebner übrigens mit einem Augenzwinkern: „Genauso wie alle anderen!“ und wünschte passend zum Schulkontext allen Gästen schöne Osterferien. Für den Referenten geht es nun direkt weiter in Richtung Italien: Eine Recherchereise für sein nächstes Buch, in dem er hinter die Kulissen einiger der spannendsten Museen der Welt blicken wird.
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