Das Studio im Traunreuter k1 platzte bei Ostafrika-Show aus allen Nähten.
Der Samstagabend im Traunreuter k1 hatte Substanz. Mehr als 200 Besucherinnen und Besucher strömten ins Studio, um die Multivisionsshow „Ostafrika“ von Dr. Jutta Ulmer und Dr. Michael Wolfsteiner zu erleben. Die 130 Plätze waren rasch belegt; zahlreiche weitere Interessierte konnten aus Platzmangel leider nicht mehr eingelassen werden. Für die Veranstalter war dieser Andrang eine große Überraschung, aber auch ein starkes Signal, wie verankert der Fairtrade-Gedanke in Traunreut bereits ist.
Seit 2018 trägt Traunreut den Titel Fairtrade-Stadt, erst vor zwei Wochen wurde die Zertifizierung erneut um zwei Jahre verlängert. Was dieses Siegel bedeutet, wurde an diesem Abend konkret. Erster Bürgermeister Hans-Peter Dangschat würdigte das Engagement der Fairtrade-Steuerungsgruppe um Helga Zembsch ausdrücklich: „Seit sechs Jahren kämpfen Sie gemeinsam mit vielen Akteuren in unserer Stadt dafür, den Fairtrade-Gedanken in die Herzen und Köpfe der Menschen zu tragen. Wie gut Ihnen das gelingt, zeigt nicht nur die erneute Rezertifizierung, sondern auch der große Zuspruch heute Abend.“ Mit einem Blumenstrauß und einem herzlichen „Vergelt’s Gott“ bedankte sich Dangschat bei Helga Zembsch und der Fairtrade-Steuerungsgruppe für den großartigen Einsatz. Auch an diesem Abend informierten die Mitglieder im Foyer über fairen Handel und boten fair gehandelte Schokolade sowie Kaffeebohnen an.
Dann begann eine sehr differenzierte Reise durch Ostafrika. Dr. Ulmer führte zunächst in den äußersten Nordwesten Tansanias. Dort trocknet das Fair-Handels-Unternehmen Matunda Mema Ananas, weil frische Früchte aufgrund der abgelegenen Lage nicht exportiert werden können. Der faire Preis ermöglicht den Bauernfamilien Investitionen, die ihren Alltag spürbar verändern: Sie wohnen in einem Steinhaus statt einer Lehmhütte, haben Solarpanels für Strom auf dem Dach und einen Wassertank im Hof. Für die Konsumentinnen und Konsumenten in Europa entsteht ein hochwertiges, leckeres Produkt.
In Uganda begegneten Ulmer und Wolfsteiner Vanillebauern. 2021 war Vanille zeitweise teurer als Silber, entsprechend hoch ist das Risiko von Diebstahl. Viele Landwirte bewachen ihre Pflanzen in den Wochen vor der Ernte Nacht für Nacht. Jede Blüte wird von Hand bestäubt und reift neun Monate, die Schoten müssen kurz vor der Vollreife geerntet und innerhalb von 24 Stunden weiterverarbeitet werden. Fermentation und Trocknung dauern Monate; insgesamt vergehen rund 15 Monate von der Bestäubung bis zum fertigen Gewürz. Fairtrade sichert den Bauern Mindestpreise, eröffnet Marktzugänge und bietet Schulungen zu Landwirtschaft und Frauenrechten. Gerade Letzteres verändert spürbar Strukturen in der patriarchalen Gesellschaft Ugandas.
Am Naivashasee in Kenia besuchten die Fotojournalisten Rosenfarmen, die für den Weltmarkt produzieren. Trotz der über 6.000 Flugkilometer von Nairobi nach Frankfurt schneiden die dort unter freiem Himmel gezogenen Rosen in der Klimabilanz besser ab als beheizte europäische Gewächshausware. Die Fairtrade-Prämie finanziert unter anderem eine Klinik auf dem Farmgelände und Beschäftigte erhalten subventionierte Lebensmittel sowie faire Löhne. Ein neu eingerichteter Kreißsaal im regionalen Krankenhaus wurde ebenfalls durch Fairtrade-Mittel ermöglicht.
Im Norden Kenias wiederum entsteht Wertschöpfung digital. Junge Erwachsene lernen bei den „Learning Lions“ Programmieren, Grafikdesign und Medienproduktion. Neben den „Learning Lions“ gibt es auf dem Campus auch die „Digital Lions“, eine IT-Outsourcing-Agentur, in der diejenigen, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, Praxiserfahrung sammeln können. Die Ausbilder unterrichten die Trainees und erledigen Aufträge für Kunden weltweit, wie beispielsweise für die Konrad-Adenauer-Stiftung oder GEPA. Gegründet wurde der IT-Campus von Prinz Ludwig von Bayern.
Die Referierenden blendeten Widersprüche nicht aus. Der Bwindi-Nationalpark in Uganda schützt die Berggorillas wirksam vor dem Aussterben. Zugleich verloren die Batwa, die ursprünglichen Bewohner des Regenwaldes, ihre Heimat und leben heute in prekären Verhältnissen am Rand des Schutzgebiets. Auch Sansibar wurde nicht nur als Postkartenidyll präsentiert. Das Fair-Trade-Unternehmen Chako beschäftigt dort 30 Mitarbeitende und verarbeitet Altglas zu Designobjekten für den Verkauf auf der Insel, aber auch für den Export unter anderem auch nach Deutschland.
Naturaufnahmen aus der Maasai Mara und vom Kilimandscharo ergänzten das Programm, standen jedoch nicht im Mittelpunkt. Entscheidend waren die Begegnungen und die Einordnung wirtschaftlicher Zusammenhänge. Der Vortrag zeigte, wie komplex globale Lieferketten sind und welchen Unterschied faire Handelsbedingungen machen können.
„Traunreut hat an diesem Abend deutlich gezeigt, dass der Blick in die Welt nicht nur den eigenen Horizont weitet, sondern dass fairer Handel ganz konkret den Menschen in Afrika, aber auch den Konsumenten in Europa zugutekommt und daher auch auf kommunaler Ebene wichtig ist“, betonte Bürgermeister Dangschat.


Weitere Meldungen finden Sie im Meldungen Archiv