Als Industriestadt bekannt, hat Traunreut schon viele Fabriken und Produktionsstätten kommen und gehen sehen. Davon bleiben uns nicht alle im Gedächtnis, wie der 2011 dem Museumsdepot übergebene Plakatentwurf aus einer Firma aus dem Jahre 1948 zeigt. Geworben wurde hierbei mit dem Bedruck „Kau-Wai, der erste deutsche Kaugummi“. Damals wurden in einem ehemaligen Gebäude der Muna (der Name der Heeresmunitionsanstalt St. Georgen, das heutige Traunreut) Kaugummis und später Waffeln unter dem Geschäftsführer Peter Obisz hergestellt und verkauft.

Durch einen glücklichen Fund in einem alten Kaufladen ist nun auch die Verpackung des „ersten deutschen Kaugummis“ erhalten. Sonja Kovacevic aus Willmars an der Rhön wollte den Kaufladen für ihre Enkelin herrichten, als sie ein altes Kaugummipapier fand. Nach einer kurzen Recherche über die Relevanz des Fundstückes, kontaktierte sie das Stadtarchiv Traunreut und entschloss sich die Verpackung zur Aufbewahrung dorthin zu schicken. Dieser Teil der Geschichte wird dort seinen Platz neben dem Plakatentwurf der selbigen Firma einnehmen und sorgfältig aufbewahrt. „Das Kaugummipapier kann man auf das Jahr 1948 datieren“, so Valentin Haase vom Stadtarchiv. „Zum einen wird noch die Ortsbezeichnung St. Georgen/Oberbayern als Firmensitz verwendet und zum anderen weist die Preisauszeichnung auf ein Datum vor der Währungsreform hin.“

Unscheinbar wie Kaugummis auch sein mögen, haben sie doch einen erstaunlich großen geschichtlichen Wert und begleiten die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Sei es als Birkenpech ca. 8000 Jahre vor Christus im heutigen Schweden oder der weißen Kaumasse Mastix, welche im alten Griechenland und dem Römischen Reich dafür bekannt war, Mundgeruch zu verringern und Zähne weiß zu halten.

Die Popularität des uns heute bekannten und gängigen Kaugummis stieg vor allem in der Nachkriegszeit rapide an. Ausschlaggebend ist dabei wohl, dass die beliebte Kaumasse ein fester Bestandteil der Rationen in Deutschland stationierter amerikanischer Soldaten war und teils sogar als „Munition“ der Rosinenbomber genutzt wurde. Diese brachten über die Berliner Luftbrücke (1948-1949) Lebensmittel und andere lebenswichtige Hilfsmittel in das in der sowjetischen Besatzungszone liegende West-Berlin. Gail Halvorsen, Pilot der US-Luftwaffe, war der erste, der Kaugummis und Schokoladen in Stofftaschentücher packte und beim An- und Abflug auf Berlin für unten wartende Kinder abwarf. Später nahmen sich viele Piloten an ihm ein Beispiel und der Name „Rosinenbomber“ war geboren.

Kleine unscheinbare Funde wie der der Verpackung des in Traunreut hergestellten Kaugummis können uns Türen in unsere Vergangenheit öffnen, welche längst vergessen scheinen und welche oft so viel mehr Bedeutung mit sich bringen, als man glaubt. Auch wenn das meiste des Alltäglichen im Laufe der Geschichte verloren gehen wird, verbinden uns diese Einblicke in das Vergangene mit den Generationen vor uns.

Also wenn sie das nächste Mal einen Kaugummi an ihrer Schuhsohle kleben haben, denken Sie daran, dass sie ein Stück Geschichte mit sich tragen.

(Text: Stadtarchiv Traunreut)

Traunreut, Stadtarchiv
Schon gewusst? – der erste in Deutschland produzierte Kaugummi wurde im heutigen Traunreuter Stadtgebiet hergestellt.
Traunreut Stadtarchiv
Diese Kaugummiverpackung wurde zufällig in einem Kinderkaufmannsladen entdeckt.